Wir haben es versucht. Vier Tage lang. Aber, es sollte einfach nicht sein.

Tag eins
Um, nach dem beeindruckenden Besuch des Goldenen Tempels der Hitze der indischen Tiefebene zu entkommen „flüchten“ wir wieder hinauf in Richtung Norden, hinauf in die Ausläufer des Himalaya, hinauf in das an Tibet angrenzende Spiti valley.
Wir brechen früh auf. Einerseits um zumindest zwei, drei Stunden nicht in der schwülen Hitze unterwegs sein zu müssen und andererseits um den berüchtigten indischen Verkehr etwas zu entkommen. Bereits um 6:00 sind wir unterwegs und unser Plan scheint voll aufzugehen. Auf einer leeren Fernstraße brausen wir dahin, haben nach zwei Stunden in Pathankot schon fast zwei Drittel unserer heutigen Tagesetappe erreicht.
Hier endet die Ebene, es wird hügeliger, es wird kühler, und, es wird bewölkt. Vor uns bauen sich eine dunkle Wolkenfront auf. Wir ziehen unsere Regendressen an, fahren weiter, es beginnt leicht zu Regnen, es beginnt zu schütten. Auf einmal sind wir umgeben von Sturzbächen neben und entlang der Straßen, fahren über eine komplett überflutete Brücke.
Bei einer Tankstelle finden wir Unterschlupf. Man sagt uns wir sollen nicht weiterfahren, es sei zu gefährlich, wir sollen lieber ein, zwei Stunden abwarten.
Im kleinen, einfachen Restaurant neben der Tankstelle gibt‘s ein Omelett. Und plötzlich: Alle rennen aufgeregt in‘s Freie, wild gestikulierend, entsetzte Blicke in Richtung des Hanges gerichtet, der sich unmittelbar hinter dem Gebäude aufbaut. Wo eben gerade noch eine grüne üppige Wildnis war, sind jetzt nur noch rote Geröll- und Steinmassen zu sehen. Die Besitzer des Hauses haben Glück. Ihrem Gebäude ist, diesmal noch, nichts passiert.
Wir fahren weiter. Kurz danach: Straßensperre. Eine Mure hat die Straße verschüttet. Zwei Kettenbagger sind gerade dabei sie von Geröll und Schlamm zu befreien. Irgendwann geht‘s weiter und wir erreichen völlig durchnässt Dharmshala.

Tag zwei
Unser Tagesziel, Manali. Dort hin müssen wir es schaffen, denn dann haben wir, so glauben wir zumindest, das Ärgste hinter uns. Wir starten wieder früh, es regnet, hört dann aber irgendwann auf. Immer wieder kommen wir an abgerutschten Hängen vorbei, fahren über notdürftig weggeräumte Muren. Wir werden umgeleitet, fahren zig Kilometer über eine schmale, brüchige Bergstraße um einer Straßensperre zu entgehen. Dann, bei Katinddhi, ein kleines Kaff etwas oberhalb von Mandi, ist endgültig Endstation. Ab hier geht nichts mehr. Anscheinend haben mehrere Erdrutsche die Straße hinauf nach Manali unterbrochen. Hunderte Jeeps und LKWs warten schon über einen Tag. Wenn es nicht weiter regnet rechnet man damit, dass morgen in der Früh die Straße wieder frei ist. Wir bleiben also in Mandi und werden es morgen nochmals versuchen.

Tag drei
Um halb Fünf läutet der Wecker. Es schüttet. Wir packen trotzdem unsere sieben Sachen, denn laut Wetterapp soll der Regen bald aufhören. Bereits vor sechs sind wir wieder oben in Katinddhi. Aber es gibt schlechte Nachrichten: Die Straße ist heute noch den ganzen Tag gesperrt! Für uns macht das hier also keinen Sinn.
Aber es gibt noch einen zweiten, etwas weiteren Weg hinauf nach Spiti. Über die Provinzhauptstadt Shimla und das Sutlej-Tal ist Spiti ebenfalls erreichbar. Für diese Straße, die ganz an die Chinesische Grenze führt, ist zwar ein sogenanntes Inner Line Permit erforderlich, aber das werden wir uns schon irgendwie besorgen.
Es wird ein langer Motorradtag. Nach 13 Stunden und 290 km erreichen wir Rampur im Sutlej Tal. Am Abend gelingt es mir noch mit einem Reisebüro in Rekong Peo Kontakt aufzunehmen, dass uns morgen die Permits besorgen kann. Es schaut also gut aus.

Tag vier
Aufbruch wieder um sechs Uhr. Es regnet nicht! Und dann nach zehn Kilometer. Erste Wolken – leichter Regen – starker Regen – Schlamm auf der Straße – „road blocked“!!!
ES WILL EINFACH NICHT SEIN.
Es fällt mir nicht leicht es zu akzeptieren, aber für uns hat es keinen Sinn mehr, wir müssen aufgeben und umdrehen.
Natürlich könnten wir in den nächsten Stunden ziemlich sicher diese Stelle überwinden. Aber es würde nicht das letzte Hindernis sein und vor allem, wir müssen auch wieder zurück. ….

p.s. Auf dem Weg zurück nach Shimla erzählt man uns, dass sich auch alte Leute nicht erinnern können jemals so heftige Regenfälle wie in den letzten Wochen erlebt zu haben.
Und vor allem, wir haben in den letzten Tagen am Wegrand zig, von Steinmassen zerquetschte Autos gesehen, haben gesehen wie Menschen ihre paar Habseligkeiten aus gerade weggerissenen Häusern geräumt haben. Da ist die Tatsache dass wir unser Ziel das Spiti Valley nicht erreicht haben, wirklich das kleinste Problem.

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Der Chef des Hauses macht uns gerade ein Omelett. Wenige Minuten später geht direkt neben seinem Haus eine Mure ab.
Der aussichtslose Versuch in Dharamshala unsere verschwitzten und durchnässten Motorradanzüge zu trocknen.
Feuchter Dunst über den Hügeln bei Dharamshala
wenn die feuchten, heißen Luftmassen auf die Vorboten des Himalaya stoßen, brodelt die Wetterküche
üppiges Grün
In den Hügeln oberhalb von Mandi stauen sich vor der Straßensperre hunderte Jeeps und LKWs
Mandi, einst eine Station auf der Salzhandelsroute, heute ein Zwischenstopp auf den Weg hinauf nach Manali
Straßensperre in Katindhi
Derartige Bilder wie hier in Mandi haben wir leider nur zu oft gesehen.
Apfelplantagen auf dem Weg ins Sutlej-Tal
Abgekämpft nach 13 Stunden auf Grande Dame
Grande Dame um 6:00 Uhr in der Früh vorm Hotel in Rampur
„road blocked“ – hier war bei strömendem Regen der Punkt gekommen an dem es für uns nicht mehr weiter ging.

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